Abgefüllt

cover_morde_150Verdammte Idylle. Drei Jahre lang habe ich mir den Arsch in dieser Einöde aufgerissen. Lieblich dekoriert, für die Touristen herausgeputzt, Gartenzwergmentalität gepaart mit Größenwahn. Keine drei Monate hat Silvia es ausgehalten. Musste zurück in ihre Stadt, konnte nicht atmen in dieser Enge.

Den alten Leutchen gefällt es um so besser. Verprassen meine Prämien. Da drüben, Frau Gerlach inmitten ihrer Freundinnen. Mit ihren weißen Fluffhaaren sehen sie aus wie ein Löwenzahnstrauß. Einmal pusten, und sie lösen sich in Luft auf. Wenn es doch nur so einfach wäre. weiterlesen

Für immer und ewig

Makellose Morde to go

Blutrote Rosen auf dem Beifahrersitz. Die Folie knistert im Fahrtwind. Pavarotti schmettert “Vincero”, Hieronymus stimmt lauthals ein. Hinter der nächsten Kurve kommt die Abfahrt: “Privatgrundstück – Durchfahrt verboten”. Knapp hundert Meter geht es durch den Wald. Dahinter hält er einen Moment an, als könne das Bild sich bei zu schneller Annäherung auflösen wie eine Fata Morgana.
Auf einem kleinen Plateau thront seine Villa über dem Meer. In der untergehenden Sonne erstrahlen die Mauern rotgold. Klare Linien mit kühnem Schwung, strenge Eleganz, schnörkellos und lichtdurchflutet. Der perfekte Rahmen für Helenas Schönheit.

An ihrem siebzehnten Geburtstag sah er sie zum ersten Mal. Nur widerwillig hatte er sich von seinen Kommilitonen zu dem Ausflug an die Ostsee überreden lassen. Lernen wollte er. Das Volleyballmatch schien überhaupt kein Ende zu nehmen. Sein letzter Aufschlag landete mitten in Helenas Strandparty. Den Ball rettete sie vor dem Feuer. Ihn forderte sie zum Tanz auf.
“Was willst du mit dieser kleinen Verkäuferin?”, fragte sein Freund, als sie in Hieronymus‘ Studentenbude einzog.

Langsam fährt er die kiesbestreute Auffahrt hinauf.

Ein Strandspaziergang im Herbst. Eng umschlungen trotzten sie dem kalten Wind. Jeder Schritt begleitet vom sanften Knirschen der Kieselsteine. Plötzlich blieb Helena stehen, rief mit sturmübertönender Stimme:
“Bau mir ein Haus am Meer!”
Eine Strähne ihres salzverklebten Haars wehte ihm ins Gesicht. Die Kälte hatte er gar nicht mehr gespürt. Auf Knien versprach er ihr ihr Seeschlösschen. Ein gewagtes Vorhaben für einen mittellosen Architekturstudenten. Die erste Zeichnung malte er gleich in den feuchten Sand.
“Vergiss es nicht!”, hatte sie gelacht und ihm einen runden Kieselstein in die Hand gedrückt.

Er greift in seine Jackentasche. Der Stein war inzwischen vollkommen glatt.
Es gab Tage, da hatte er ihn überhaupt nicht aus der Hand gelegt. Besonders in Amerika. Das Jahrespraktikum bei Mahrani & Meerbaum war wie ein Ritterschlag für einen angehenden Architekten. Aber er konnte Helena nicht mitnehmen. Ihre letzte Umarmung am Flughafen, ihre weichen Lippen an seinem Ohr: “Ich gehöre zu dir, für immer und ewig.” …weiterlesen

Ewige Frische

Makellose Morde to go

Deine Frischzellenkur. Du brauchst das einfach. Spüren, wie die Kälte in deine Haut beißt, die heizungsluftverweichlichten Lungenflügel erst schmerzhaft zusammenzucken, und sich dann an der eisigen Höhenluft laben. Die Augen, verborgen hinter der verspiegelten Brille, auf die unendliche Weiße gerichtet. Dieses Nichts, das dich versöhnt mit dem Multitasking deines Managerdaseins. Das Prickeln jeder Pore, wenn du nach einer Schussfahrt in die Hütte kommst. Der Hütte, zu der außer dir und mir nur dein Busenfreund Anselm und seine reizende Rebecca Zutritt haben.
Sie sind draußen mit dir auf dem Gletscher, während ich für den nötigen Hüttenzauber sorge. Energienachschub für die erfrischten Zellen. Ein Tag auf der Piste macht hungrig. Und mit zunehmendem Alter brauchen die Zellen nicht nur mehr als eine Frischzellenkur im Jahr, auch der Gaumen wird verwöhnter. In der Gefriertruhe mit außentemperaturgesteuertem Generator lagern die per Helikopter eingeflogenen Zutaten für die Haute Cuisine. In die Kunst der gourmetgerechten Zubereitung von Wild und anderem Getier hast du mich eigens von dem angesagtesten Sternekoch der Stadt einweisen lassen. Er war damit erfolgreicher, als du bei deinem Versuch, mein Skitalent zu wecken.
“Die Bindung ist das Wichtigste”,” hast du gesagt, “wenn die Bindung sich löst, ist alles vorbei.”
Ein halbes Jahr habe ich gebraucht, bis ich wieder laufen konnte. Dafür kann ich jetzt meinen rechten Unterschenkel allein auf die Abfahrt schicken. Mit der richtigen Bindung, versteht sich. …weiterlesen

Weihnachtsmann mit Nebenwirkungen

Makellose Morde to go

“Wir schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe. Im günstigsten Fall bringen sie sich gegenseitig um!”
Manfred Klein schwang sich vom Schreibtisch seiner Sekretärin.
“Schick Mahler gleich zu mir. Und sag den Umzugsleuten Bescheid, dass sie inzwischen seine Sachen in Doras Büro transportieren.”

Wilfried Mahler frühstückte bei weit geöffnetem Fenster und lauschte einer frisch eingetroffenen CD. Zu den Klängen von Brad Mehldau, zeitgenössisch das Maß aller Dinge am Jazzpiano, formulierte er in Gedanken seine Rezension, als der Anruf von Kleins Sekretärin kam. Sofort meldete sich sein Magengeschwür.Vor Schmerz von 1,90 auf durchschnittliche 1,75 zusammengekrümmt, schlich er ins Chefbüro.

Klein musste trotzdem zu ihm aufsehen und bot ihm sofort den Sündersstuhl vor seinem Schreibtisch an. Ein Drittel der Redaktionsmannschaft hatte er in seinem halben Jahr als Chefredakteur schon gefeuert.Wilfried atmete durch. Ihm konnte nichts passieren. Schließlich war er seit fünfzehn Jahren dabei. Zehn davon als Betriebsratsmitglied.
Klein wanderte hinter seinemn Tisch auf und ab.
“Sie sehen krank aus, Mahler.”
Wilfried verneinte mit einem matten Kopfschütteln.“Ein bisschen Abwechslung wird Ihnen gut tun!”
Klein stoppte seine Wanderung.
“Ab sofort übernehmen Sie die Rätsel!”
Wilfried sackte zusammen. Klein holte zum letzten Schlag aus.
“Und Sie ziehen zur geschätzten Kollegin Weuble!”

Die Möbelpacker hatten ganze Arbeit geleistet. Seine penibel sortierten CD’s lagen zusammengewürfelt mit Büchern und Papieren in vier Kisten, obenauf die Yucca-Palme und sein angebissenes Frühstücksbrötchen.
Dora würdigte ihn keines Blickes. Sie thronte in ihrer ganzen Massigkeit auf ihrem Stuhl, telefonierte und stopfte sich unablässig Apfelschnitze in den Mund.
“Das Wasser muss erst kochen, dann kommen die Spaghetti rein.”
Sie legte auf, verschloss die Tupperdose und rollte Richtung Tür.
“Ich gehe jetzt in die Pause. Wenn jemand für mich anruft, schreib es bitte auf!”
Wilfried klemmte sich hinter den Schreibtisch. Das Telefon klingelte in adrenalinfördernder Lautstärke.
“Wie lange müssen die Dinger denn drin bleiben?”, herrschte eine junge Frauenstimme ihn an.
“Sie möchten bestimmt mit Frau Weuble sprechen.”
“Wer sind Sie denn? Meine Mutter hat mir nicht gesagt, wie lange diese blöden Spaghetti kochen müssen.”
“Steht auf der Packung.”
“Klugscheißer!”, brüllte sie und knallte den Hörer auf.
Wilfried ließ sich zurückfallen. Sein Kopf krachte gegen die Wand. Eindeutig ein Fall für den Betriebsrat. Er brauchte dringend frische Luft  …weiterlesen