WM-Baby

Makellose Morde to go

Der Ball schießt weit über die Torwand hinaus. Hajo Hohmann bleibt auch in diesem Jahr unbesiegter Meisterschütze. Seinem Kontrahenten spendiert er ein Schulterklopfen.“Lassen Sie den Kopf nicht hängen, Thomsen. Ich war ja schließlich auch mal Profi. Im Gespräch für die Nationalelf. Wäre da nicht diese Verletzung dazwischengekommen …”
Auf dem Weg zum Partyzelt zieht er das rechte Bein stärker nach als sonst. Er gibt dem Discjockey ein Zeichen, die Musik verstummt. Ein Ruck geht durch das überwiegend männliche Team der Hohmann Software Consulting, das sich in lässigem Freizeitlook auf langen Holzbänken lümmelt. Chefprogrammierer Johannsson geleitet Controllerin Pick zurück an ihren Platz, wo sie unauffällig die Spuren seiner Tanzkünste von ihren hellen Pumps wischt. Hohmann greift zum Mikrofon.
“Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ich habe noch eine Überraschung für Sie. Wie Sie alle wissen, startet in genau einem Jahr die Fußballweltmeisterschaft. Auch wir werden natürlich unser Bestes geben, damit die Gäste aus aller Welt unvergessliche Fußballwochen erleben. Und einer von Ihnen kann live dabei sein. Wer zu diesem gesellschaftlich bedeutenden Ereignis einen gesellschaftlich bedeutsamen Beitrag leistet, bekommt von mir zwei VIP-Karten für alle Spiele der deutschen Mannschaft!”
Anerkennende Pfiffe füllen die Kunstpause. Ralf raunt seinem Kollegen Kai zu: “Mach dir keine Hoffnungen, mein Name steht schon drauf!”
”Der Vater”, Hohmann schenkt Frau Pick ein Lächeln, “oder die Mutter des ersten Stammhalters, der zwischen März und Ende Mai kommenden Jahres geboren wird, sitzt bei der WM in der ersten Reihe. Sorgen Sie für die Weltmeister von morgen!”
Johannsson bricht über seinem Bierglas zusammen. “Warum immer ich?” Die tiefen Ringe unter seinen Augen zeugen von den Strapazen der ersten Vaterschaft. Seit sechs Wochen wechselt er Windeln im Akkord – Zwillinge. Ralf zerbricht seinen Bierdeckel, zerbröselt die Hälften zwischen den Fingern. Ein Kind. Ausgerechnet!
Kai stößt ihm den Ellenbogen in die Rippen. “Na, immer noch so sicher? Hohmann beim Torwandschießen gewinnen zu lassen, reicht wohl doch nicht!”

”Football is coming home” dröhnt aus den Lautsprechern, Ralf gibt Gas und grölt mit. Christines “Ich will keine Kinder. Weder jetzt noch später!” klang einmal genauso schön für ihn. Man brauchte sich ja nur Johannsson anzusehen, um zu erkennen, was Vaterfreuden bedeuteten. Das Cabrio gegen eine Familienkutsche eintauschen? Die Stadtwohnung gegen ein Häuschen im Grünen? Ferienclub mit Kinderanimation statt Segeltörn? Nein, bei Christine gab es kein Gerede vom Ticken der biologischen Uhr, keine verschleierten Kulleraugen beim Anblick eines strampelnden Windelpaketes. Ihn konnten die Kumpels bei seiner Hochzeit nicht erschrecken mit ihrem “Na, hast du schon die Kinderkarre bestellt?”.
Am Fußballplatz steigt er aus und setzt sich auf die schiefgetretenen Stufen, auf denen stolze Väter allsonntaglich ihre Jungs anfeuern. Die Weltmeisterschaft im eigenen Land. Bei der letzten war er selbst kaum größer als ein Fußball, krakelte “Tor! Tor!” auf Papas Schoß, egal ob es passte oder nicht. Später musste Papa dann auch mit ihm auf den Platz und seinem Torschützenkönig in spe zujubeln. Wie ihr Kind wohl aussähe? Ein kickender Mini-Thomsen mit Christines leuchtend weißblondem Haar? Oder eine Tochter, schön und treffsicher wie Keira Knightley in “Kick it like Beckham”? VIP-Karten! Hautnah im Stadion dabei sein, vielleicht das Wunder von Berlin erleben  …weiterlesen

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